(Foto: Bundesarchiv/Wikipedia)

Gustav W. Heinemann,
1899 – 1976, Dr. rer. pol. et jur., Rechtsanwalt. Während seiner Studienzeit sympathisierte er politisch mit der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), für die er als Redner auf­trat. Als 30-jähriger zum Christen geworden, trat er in Staat und Kirche für eine Abkehr von überliefertem obrigkeits­staatlichem Denken ein. In der NS-Zeit Mitglied der Bekennenden Kirche.

Nach 1945 Mit­begründer der CDU, 1949 von Adenauer zum ersten Bundes­innenminister berufen. 1950 Rücktritt aus Protest gegen dessen Aufrüstungspolitik. Danach Mitbe- gründer der Gesamtdeutschen Volkspartei. 1957 Eintritt in die SPD, 1966 Bundesjustiz- minister, 1969–1974 Bundespräsident.

Als Justizminister der Großen Koalition leitete er von 1966 bis 1969 weit reichende Rechtsreformen ein. Er bemühte sich unablässig darum, demokratisches Denken und Handeln zu fördern. Als auf Rudi Dutschke, einen der Führer der Außerparlamentarischen Opposition, im April 1968 ein Attentat verübt wurde, erlebte die Bundesrepublik riesige Protest- demonstrationen und auch gewalttätige Ausschreitungen. In seiner Fernseh­rede zu Ostern 1968 ging Gustav Heinemann als Bundesjustizminister auf die Ereignisse ein, kündigte Maßnahmen gegen eventuelle weitere Ausschreitungen an, bat aber auch gleichzeitig die Bevölkerung um Verständnis für die Rebellion, indem er nach deren Ursachen fragte.

Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann in Berlin zum Bundespräsidenten gewählt. Als Bundespräsident suchte er demokratische Bewegungen in der deutschen Geschichte aufzuspüren und nahm sich der Minderheiten an, die die Gesellschaft an den Rand drängte. Nach Friedrich Ebert (1871–1925) war er der zweite deutsche Präsident, der aus der Sozialdemokratie kam. Heinemann wurde für viele kein bequemer Präsident. Seiner Ansicht nach habe das Staatsoberhaupt seine Amtsführung zwar „unparteiisch“ zu gestalten, das Wort „überparteilich“ mochte er jedoch nicht übernehmen, weil es nach Erhabenheit und Selbsterhöhung klinge. Auch das Wort Staatspräsident lag ihm nicht. Er bezeichnete sich selbst als „Bürgerpräsidenten“. Wie sehr er sich in seinem Staatsverständnis von anderen Politikern unterschied, hatte er schon vorher deutlich gemacht, als er auf die Frage, ob er den Staat liebe, unnachahmlich antwortete: „Ich liebe nicht den Staat, ich liebe meine Frau.“

„Nicht weniger, sondern mehr Demokratie - das ist die Forderung, das ist das große Ziel, dem wir uns alle und zumal die Jugend zu verschreiben haben. Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland. Hier leben und arbeiten wir. Darum wollen wir unseren Beitrag für die eine Menschheit mit diesem und durch dieses unser Land leisten.“ (Schlusspassage seiner Antrittsrede als Bundespräsident, gehalten am  1. Juli 1969).

Das politische Erbe Gustav Heinemanns, besonders sein starkes Engagement für Bürger- und Menschenrechte, versuchen auch wir mit unserer politischen Bildungsarbeit in der Gustav-Heinemann-Bildungsstätte zu bewahren.